Urlaub in Bibione für Marianne und Wilhelm Moll

»Ein Rezept? Gibt es nicht«

VON ANDREAS DÖRR

bibione_urlaub_1960Sicher ist nur eines: Wer sich drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Ja-Wort gibt, muss sich zurechtfinden in einem Land, das am Boden liegt. »Es hat nichts gegeben. Nichts zu essen, keine Wohnung«, erinnert Marianne Moll an die Zeit, als sie mit ihrem Mann noch im Schwarzwald lebte. Und Fakt ist auch, dass sich schwierige Zeiten zu zweit besser meistern lassen als alleine.

Wilhelm Moll wird am 24. April 1925 in Birkenfeld geboren, in einer kleinen Gemeinde im Nordschwarzwald. Neun Kilometer entfernt liegt Conweiler, das heute Straubenhardt heißt. Dort kommt Marianne Merkle am 27. Januar 1926 zur Welt. Rund 20 Jahre später werden sie sich bei einer Tanzveranstaltung über den Weg laufen, sich ineinander verlieben, sich am 22. Oktober 1948 standesamtlich und einen Tag später kirchlich trauen lassen. 65 Jahre später feiern sie eiserne Hochzeit.

Glückwünsche kommen vom Bundespräsidenten, von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten, von Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und von Baubürgermeisterin Ulrike Hotz, die Blumen und Reutlinger Wein in die Dreizimmerwohnung in der Nürnberger Straße mitgebracht hat.

Vor ein paar Jahren sind sie von Betzingen hierher gezogen, ins betreute Wohnen, auch wenn es eine Betreuung noch nicht so sehr braucht. Drei Söhne und acht Enkel kümmern sich und gehen Wilhelm und Marianne Moll beispielsweise bei größeren Einkäufen zur Hand. Zwei Urenkel komplettieren seit wenigen Jahren eine Familie, in der die Liebe zur Musik immer Eckpfeiler war.

»Das haben wir von unserem Vater«, sagt Gerhard Moll. Der 64-jährige Arzt ist Dirigent des Posaunenchors Sickenhausen-Degerschlacht, und auch sein Vater hat den Taktstock geschwungen. Wilhelm Moll leitete diverse Chöre – darunter die Liedertafel Concordia – und hat Klavier und Orgel gespielt. »Das geht heute leider nicht mehr«, sagt der Jubilar bedauernd.

Trotzdem sind beide Eheleute fit genug, um alleine klarzukommen. In Orschel-Hagen wohnen sie seit fünf Jahren und haben sich so leidlich eingelebt. »Der Lärm von der Nürnberger Straße macht uns zu schaffen«, sagt Marianne Moll, die 65 Jahre lang als Hausfrau ihrem Mann zur Seite gestanden ist.

»Meine Schwiegermutter ist eine begnadete Bäckerin«, sagt Valerie Moll, »und eine sehr gute Köchin.« Dampfnudeln – »der Boden braucht die richtige Kruste« – gelingen Pauline Moll perfekt und lassen die Familiemitglieder mit der Zunge schnalzen. Dass bei ihrem Mann Geruchs- und Geschmackssinn nachgelassen haben, ist angesichts dieser Kochkunst bedauerlich.

Während also Marianne Moll mit drei quecksilbrigen Jungs und einem großen Haushalt fertig werden musste, unterrichtete Wilhelm Moll unter anderem an der Friedrich-Silcher-Schule in Sickenhausen und der Römerschanzschule, deren Rektor er von 1977 bis 1989 war. »Eigentlich wäre ich lieber Zahnarzt geworden. Aber so kurz nach dem Krieg war das nicht möglich.«

Weil ein Lehrergehalt in den 50er- und frühen 60er-Jahren nicht wirklich üppig ist, kann das junge Ehepaar keine großen Sprünge machen. Erst 1964 geht’s mit drei Söhnen – der jüngste ist zwei Jahre alt – in einem roten VW-Käfer ins italienische Bibione. »Dorthin, wo zu dieser Zeit alle Reutlinger gefahren sind«, lacht Gerhard Moll. An der italienischen Adria gefällt es der jungen Familie jedenfalls so gut, dass weitere 17 Besuche folgen. »Wir haben sparsam gelebt und viel gearbeitet«, sagt Wilhelm Moll und vielleicht erklärt dies dann doch, warum eine Ehe 65 Jahre hält.

von gea.de