Bibione : Der italienische Ausstellungstitel „Nostalgia, spiagge e dolce vita“

Landesausstellung beleuchtet Beziehungen zwischen Bayern und Italien
Als „Projekt der Superlative“ wurde  die Landesausstellung „Bayern-Italien“ bei der Eröffnung in Augsburg gefeiert. Trotzdem dürfte es kaum gelingen,  damit den Riesenerfolg des Vorjahrs zu wiederholen.

HANSKARL VON NEUBECK

Bibione Rimini Ausstellungs titel Nostalgia, spiagge e dolce vitaAugsburg Voriges Jahr, als es um den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder ging, strömten 365 000 Besucher in die Würzburger Residenz. Heuer ist die Bayerische Landesausstellung kein Kompakt-Angebot. „Bayern-Italien“ besteht aus drei Ausstellungen –  zwei in Augsburg, eine in Füssen.

„Noch nie hat der Freistaat Bayern so viel in eine Landesausstellung investiert“, jubelte Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, beim Festakt in Augsburg. Allein aus München sind zwei Millionen Euro geflossen, so dass man tief in die bayerisch-italienische Beziehungskiste greifen und interessante Geschichten aus den vergangenen 2000 Jahren ins Blickfeld holen konnte.

Weiß Blau und Grün Weiß Rot. Farbenfülle ist garantiert, wenn man die historischen Verbindungen zwischen Bayern und Italien thematisiert. Stellenweise driftet das Angebot   ins Kunterbunte.

Besonders populären Aspekten ist  der Teilbereich im Augsburger Textil- und Industriemuseum gewidmet. Dort ist der Rundgang angenehm wie süßes Leben, was dem Thema  „Sehnsucht, Strand und Dolce vita“ entspricht. Zu erleben ist leichter, luftiger Stoff. Ein paar dunkle Flecken gehören allerdings dazu, denn die Dolomitenfront im 1. Weltkrieg und Hitler und Mussolini sind richtigerweise nicht ausgeklammert.

Die Ausstellungsmacher vom Haus der Bayerischen Geschichte haben nach bewährtem Muster inszeniert. Inbegriffe des Strandlebens wie Rimini oder  Bibione werden nicht   trocken  abgehandelt, sondern plastisch vorgeführt mit Sand, Liegestuhl, Sonnenschirm, Wohnwagen und dem Wägelchen eines Eisverkäufers.

Der italienische Ausstellungstitel „Nostalgia, spiagge e dolce vita“ bringt die entscheidende Nuance zum Klingen: Der ältere Besucher erliegt, ob er will oder nicht, nostalgischen Gefühlen. Und die Ausstellungsmacher tun ein Übriges, indem sie mit einer Juke Box dazu einladen, auch akustisch in jene Zeiten einzutauchen, als Rudi Schuricke mit den „Caprifischern“ (1948) oder Rocco Granata mit „Marina“ (1960) große Hits, die damals noch Schlager hießen, landen konnten.

Die schönste Stelle der Schau im Textil- und Industriemuseum  bildet das Nebeneinander von Vespa und Goggoroller, beides Produkte der Nachkriegszeit.  Die Zweiräder demonstrieren,  was mal als typisch italienisch gelten durfte  und was als  typisch deutsch.  Hier  die Vespa, ein Ausbund an Lebens-und Sinnenfreude, mit einem schön geformten  Hinterteil, das (pardon) an Claudia Cardinale  denken lässt; dort als Kontrast der strenge und sachliche Goggoroller  mit einer Frontpartie,  deren Hakenform allenfalls an die Nase des Nick Knatterton erinnert.

Dieser  Ausstellungsteil nimmt das Thema betont locker. Mit dramatischen Spielszenen aus dem WM-Jahr 1970 wird das Publikum animiert, auf Tribünensitzen Platz zu nehmen, obschon damals nicht Bayern,  sondern Deutschland das Halbfinale gegen Italien bestritt (und verlor).

Gesamteindruck: Die Ausstellung  „Sehnsucht, Strand und Dolce Vita“ ist kurzweilig, mitunter sogar lehrreich. Oder war Ihnen klar, dass das liebevolle Wort „Zamperl“ gar nicht urbayerisch ist, sondern vom italienischen „zampa“ (Pfote) herstammt? Oder haben Sie gewusst, dass die Südgrenze Bayerns einst mitten durch den Gardasee verlief (von 1806 bis 1810)?

Das  Maximilianmuseum Augsburg trägt „Künstlich auf Welsch und Deutsch“ zur Landesausstellung bei, was sofort die Frage aufwirft, weshalb die Ausstellungsmacher einen derart spröden Titel gewählt haben. In den Festsaal des Maximilianmuseums  ist ein Bilderparcours eingebaut, der verwinkelt und schmal wie eine mittelalterliche Gasse anmutet, ein paar Ausweitungen  zu Mini-Plätzen inklusive.

Ohne Reiz ist das nicht, zumal man unterwegs wunderbaren Kunstwerken wie dem Schmerzensmann Michel Erharts aus dem Diözesanmuseum Rottenburg und  Tizians großformatigem  Bild von Sachsen-Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen  Museum Wien begegnet.

Die Ausstellung im Maximilianmuseum gilt dem Übergang von der Spätgotik zur Frührenaissance, der  seinerzeit Italien und das antike Erbe in den Fokus brachte. Das Publikum wird auf engstem Raum mit Stilgeschichte und mit Religionsgeschichte konfrontiert. Das führt zu Verwirrung.

Ein Beispiel: Wie ein Magnet, weil effektvoll beleuchtet, wirkt ein stehendes Jesuskind.  Dort liest man dann: „Die spätgotischen Künstler Süddeutschlands nahmen in der Nachfolge des stilbildenden Nikolaus Gerhaert von Leyden zahlreiche Einflüsse der altniederländischen Kunst auf.“ Bleibt zu fragen: Wo, bitteschön, geht es zum Thema „Bayern-Italien“?

Im Grunde hat das Maximilianmuseum mit seinem Beitrag einen Hymnus auf Augsburg gestaltet, das damals, im 16. Jahrhundert,  eine Weltstadt war.

von tagblatt.de