Christoph Sonntag : von Stuttgart bis Bibione

Alltagsgeschichten mit Christoph Sonntag
Früher war alles besser? Auf jeden Fall war alles anders. Das hat Christoph Sonntag in Kuchen klargestellt, wo er 500 begeisterte Zuhörer bespaßte.

bibione_christoph_sonntagSeine Kindheit in den 70ern durchlebt zu haben, taugt für ein ganzes Kabarettprogramm. Damals gab es genau drei Fernsehprogramme, den Kaffee brühte man in henkellosen Keramikfiltern von Melitta, Männer trugen stolz Büsche von Haaren unter ihren Achseln, ein Telefon besaß einen zwei Kilo schweren Mammutknochen als Hörer und die Kinder standen unangeschnallt im Kofferraum des VW-Käfers, in dem der Vater kurzerhand die Hutablage ausgebaut hat. Und sie standen ohne Klopause von Stuttgart bis Bibione.

Christoph Sonntag, mit seinem Programm „AZNZ – Alte Zeiten neue Zeiten“, das im Juli ausläuft, auf Abschiedstour, traf am Freitagabend in der Kuchener Ankenhalle auf ein gut gelauntes Publikum, das sich willig und begeistert auf seinen trockenen Humor, seine fein überzeichneten Alltagsgeschichten und seinen Sprachwitz einließ. Er ist nah an seinen Gästen, redet ihre Sprache, lässt sie gruppenweise komplizierte schwäbische Sätze auswendig lernen und riecht auch schon mal an Monika aus der ersten Reihe, wenns brennt.

Sonntag blödelt, singt mit Rettichmikro seine schwäbische Nationalhymne „So senn mir“, zu der die gut 500 Kuchener Gäste mitklatschen, lässt Oettinger und Kretschmann, beide aus Pappe, in einem Sonntagsgespräch gegeneinander antreten, rechnet schwäbische Primsätze vor oder ergießt sich im Sprachgehäcksel eines Verbandsvorsitzenden mit einem Vorhangproblem.

Großartig gelungen ist Christoph Sonntag vor allem das Nostalgische, die Lebenswirklichkeit in den 70ern, die er schön zelebriert – und auch nur ein winziges bisschen überzeichnet. Sonntags hatte außer Oma und Kirche alles zu und es war immer eine Großtante in der Nähe, bereit, den schokoladenverschmierten Mund des Neffen mit einer ordentlichen Portion Spucke zu säubern. Die selbst gebastelte Fernbedienung des Opas. Oder das schon Wochen im Voraus geplante Telefonat der Mutter mit ihrer Schwester aus Geislingen.

Das Kuchener Publikum amüsierte sich gute zweieinhalb Stunden lang blendend und sah Sonntag auch den einen oder anderen lauen Gag nach. Stuttgart 21 und die Schlichtungsgespräche taugen einfach nicht mehr als Schenkelklopfer.

Zum Finale durfte Manne aus dem Publikum auf der Bühne Kaffee trinken, mit henkellosem Melitta-Keramik-Filter gebraut, versteht sich. Und die Zuschauer klatschen ein letztes Mal im Takt zu Sonntags Schwaben-Hymne.

von swp.de